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    11.09.2015
    Ein Stein. Ein Name. Ein Mensch
           
    Stolpersteine in der Nicolaistraße in Lankwitz
      LANKWITZ     GESCHICHTE

    © Foto: Kiezkontakt
    Bereits am 25.06.2015 wurden drei Stolpersteine vor dem Haus Nicolaistr. 38 in Lankwitz verlegt. Die Steine erinnern an drei Bewohner, die ermordet wurden.

    Wir erinnern

    zweier Schwestern, Martha Israelski, geb. Josephson, und Friedericke Lichtenstein,geb. Josephson und ihrer Tochter Erna Stapf, geb. Lichtenstein. Martha Israelski wurde am 4. Januar 1878 in Königsberg geboren. Über ihre Familie und ihre Jugend, sowie ihre Ausbildung ist uns wenig bekannt. Wir wissen lediglich, dass ihre Eltern Aron und Berta Josephson waren und sie eine sieben Jahre ältere Schwester hatte: Friederike Lichtenstein. Friederike Lichtenstein heiratet am 13. März 1897 den Königsberger Tuchhändler Siegfried Lichtenstein. 1898 kommt ihre Tochter Erna, 1901 ihr Sohn Alfred in Königsberg zur Welt. Mit dem Ende des 1. Weltkrieges verlässt die Familie Lichtenstein Königsberg und etabliert sich mit der Firma S. Lichtenstein - Tuche engros in Berlin. 1922 bezieht sie die für sie erbaute Villa in der Nicolaistraße – damals noch Luisenstraße -, die Mutter und Tochter bis zu ihrer Deportation bzw. Flucht im bewohnen werden. Im März 1937 stirbt Friederike Lichtensteins Mann Siegfried im Alter von 69 Jahren. Die Familie wird gezwungen, ihre Firma an einen Münchner Tuchhändler zu verkaufen. Im Frühjahr emigriert ihr Sohn Alfred Lichtenstein mit seiner Frau und seiner kleinen Tochter über England nach Argentinien. Friederike Lichtenstein und ihre Tochter Erna bleiben in Berlin. Ihre Schwester Martha Israelski zieht zu ihnen in das Haus in der Nicolaistraße.
    Wann Martha Israelski zu ihrer Schwester Friederike in die Villa in der Nicolaistrasse 38 zieht, und ob dies freiwillig geschieht, wissen wir nicht. Im Berliner Adressbuch von 1940 findet sich erstmalig der Eintrag, dass sie als Witwe hier wohnt. Wo sie vorher wohnte, wer ihr Mann war und welches Leben sie führte, wissen wir nicht. Einigen Briefen, die die drei Frauen zwischen März 1941 und August 1942 Alfred nach Argentinien schrieben, ist zu entnehmen, dass sie in der Villa bald nur noch zwei Zimmer bewohnen dürfen und Möbel und andere Wertgegenstände verkaufen müssen, um leben zu können.
    Im Sommer 1941 werden Haus und Grundstück enteignet. Ab nun ist ungewiss, wie lange sie hier noch bleiben dürfen, oder ob sie in eins der vielen Judenhäuser umziehen müssen. Am 1.September 1942 wurde Friederike Lichtenstein mit dem 54. Alterstransport nach Theresienstadt deportiert und dort am 12. September 1942 ermordet. Martha Israelski wurde am 5. September 1942 mit dem 19. Osttransport, in dessen Transportliste sie mit 64 Jahren noch als arbeitsfähig verzeichnet wurde, nach Riga deportiert und dort am 8. September 1942 ermordet.
    Über die Kindheit und Jugend von Friederike Lichtensteins Tochter Erna Lichtenstein in Königsberg wissen wir nicht viel. 1919 zieht die Familie nach Berlin, 1922 in die Villa in der Nicolaistraße 38. Während ihr Bruder Alfred am Konservatorium in Königsberg sowie in Berlin und Paris eine intensive Ausbildung als Flötist erfährt, erhält Erna klassischen Gesangsunterricht und gibt sich in den 20er Jahren den Künstlernamen Evelyn Sanden.
    1930 heiratet sie den Arzt Arthur Stapf, von dem sie bereits 1934 - wie es damals hieß - aus rassischen Gründen wieder geschieden wird. Nachdem sie im August 1935 als jüdische Musikerin aus der Reichsmusikkammer ausgeschlossen wird, wird sie im Jüdischen Kulturbund aktiv und übernimmt in einer Aufführung des Berliner Opernstudios, eines Kollektivs jüdischer Sänger, unter der musikalischen Leitung von Herbert Lilienthal 1936 die Rolle der Gilda in Verdis „Rigoletto“. Hinweise über weitere Engagements fanden wir nicht.
    Alfred Lichtenstein – inzwischen als „Mann mit der goldenen Flöte“, die ihm der griechische König schenkte, berühmt geworden - verlässt Berlin im Frühjahr 1939 und emigriert mit seiner Frau und seiner kleinen Tochter Silvia über England nach Argentinien. Erna Stapf bleibt bei ihrer Mutter und Tante Martha in Berlin. Sie unternimmt, wenn auch spät, viele Versuche über im Ausland lebende Freunde und Verwandte – insbesondere ihren Bruder - ein Visum in die USA oder nach Südamerika zu bekommen, aber alle Versuche scheitern.
    Ende August 1942 gelingt ihr dann doch die Flucht nach Wien und von dort aus nach Zagreb, ins von Deutschland besetzte Kroatien. Aus Briefen an ihre Freundin Lisy in der Schweiz wissen wir, dass sie hier eine falsche Identität annimmt und unter dem Namen Renate Gabriele Berger in einem deutschen Kriegslazarett arbeitete. Unter welchen Umständen Erna Stapf Anfang 1945 – ihr letzter Brief ist vom 11. Januar 45 – in das KZ Jasenovac deportiert wurde, ist nicht bekannt. So bleibt unklar, ob ihre falsche Identität noch aufgedeckt wurde.
    Das KZ Jasenovac war das Größte seiner Art auf dem Balkan und wurde von der kroatischen Sicherheitspolizei beaufsichtigt. Eine Bestätigung von Erna Stapfs Tod im KZ Jasenovac gibt es nicht. Bei der Befreiung des KZ durch die Partisanen am 5. Mai 1945 gab es jedoch kaum Überlebende, so dass ihre Ermordung dort anzunehmen ist. 1952 wurde Erna Stapf vom Amtsgericht Charlottenburg mit Wirkung vom 31. Dezember 1945 für tot erklärt. Im Januar 1961 erhielt ihr Sohn Alfred als alleiniger Erbe der „Verfolgten Friederike Lichtenstein“ für die Freiheitsbeschränkung und Freiheitsentziehung durch das Sterntragen in Berlin und die Deportation in das KZ Theresienstadt für „volle 11 Monate und 23 Tage“ eine Entschädigung von 1.650 DM vom Land Berlin.

    Textgrundlage von N.Haeberlin

    Quellen:
    · Leo Baeck Institut, http://www.lbi.org/ enthält: Alfred Lichtenstein Collection mit Informationen zu seiner Mutter Friederike Lichtenstein sowie seiner Schwester Erna Stapf, den Briefen Erna Stapfs an Lisy Simson-Fischer und zahlreiche Photographien
    · LexM - Lexikon verfolgter Musiker und Musikerinnen der NS-Zeit, http://www.lexm.uni-hamburg.de mit Einträgen zu Alfred Lichtenstein und Erna Stapf
    · Gedenkbuch-Datenbank des Bundes
    · Berliner Adressbuch von 1940





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