(Druckversion: Ein Artikel von Kiezkontakt-Online vom 06.12.2013)
Spaziergang mit Historie
 GROßBEEREN STEGLITZ|ZEHLENDORF TEMPELHOF|SCHÖNEBERG     GESCHICHTE

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Die Felder und Weiten um das Gut Osdorf und Friederikenhof, unmittelbar vor den Toren unserer Stadt an der B101 (Marienfelder Allee), laden zu dieser Jahreszeit zu winterlichen Spaziergängen ein und werden im Sommer zum Drachensteigen genutzt. Einst gehörten diese Felder zu den Berliner Stadtgütern, wurden als Rieselfelder genutzt und hatten für Berlin einen herausragenden Nutzen. Rieselfelder dienten zur Reinigung von Abwässern. Beim Berieseln der Felder mit Abwasser versickerte das Wasser und wurde vom Erdreich gefiltert. Mikroorganismen bauten Rückstände im Boden biologisch ab.
2013 hat sich zum 140. Mal die Entscheidung des Berliner Magistrats gejährt, eine Kanalisation für die Stadt zu bauen. Damit richtet sich der Blick auf den Stadtbaurat James Hobrecht, der mit seiner Idee eines Radialsystems für die Kanalisation Berlins ein Meisterstück ablieferte, jedoch bereits mit dem Hobrecht-Plan von 1862 - ein Konzept von Ring- und Ausfallstraßen, das bis heute die Grundlage der Bebauungs- und Verkehrsstruktur Berlins bildet - Anerkennung erlangte. Statt die Berliner Abwässer in die Spree zu leiten, legte Hobrecht Radialsysteme zur Sammlung der Abwässer an, die dann auf die Rieselfelder im Umland geleitet wurden. 1873 beschloss die Stadtverordnetenversammlung von Berlin große landwirtschaftliche Flächen außerhalb der Stadt Berlin zu erwerben und entschied sich damit für Hobrechts Pläne. Dieser Beschluss vor 140 Jahren war der Auftakt der wechselreichen Geschichte der Berliner Stadtgüter, die die Rieselfelder verwalteten. Die Entstehung der Berliner Kanalisation Ein Aufsatz von Oliver Krzywanek (redaktionell gekürzt)

Mitte des 19. Jahrhunderts stank es in Berlin zum Himmel. Die Kloake schwamm zusammen mit dem Regenwasser durch die Rinnsteine der Stadt und sorgte neben dem üblen Gestank für katastrophale hygienische Verhältnisse. Erst der Einsatz von Hygieneexperten wie des Berliner Arztes Rudolf Virchow oder des Architekten James Hobrecht sorgte für die Einführung eines Abwassersystems, das gegen Ende des 19. Jahrhunderts zu einer wesentlichen Verbesserung der hygienischen Umstände führte und die Sterbe- und Krankheitsrate senkte. Die systematische Einführung der Kanalisation kam einer Revolution – ähnlich der Erfindung der Dampfmaschine – gleich: Ein Drittel der Stadtkasse wendeten die verantwortlichen Politiker für das zukunftsträchtige Projekt auf. Wie in den meisten deutschen Großstädten herrschte auch in der preußischen Hauptstadt der hygienische Ausnahmezustand. Doch die Zuwanderung aus der Provinz in die Metropole ließ die hygienische Situation der Bevölkerung dramatisch werden. Wer Arbeit in einem der neu entstandenen Industriebetriebe suchte, zog in die Hauptstadt, so dass die Einwohnerzahl Berlins 1871 nur wenig unter einer Million Menschen lag. Zunächst konnte der erhöhte Wasserbedarf noch durch die rund 5.600 Brunnen gedeckt werden. Der Anstieg der Bevölkerung und die Wohndichte machten jedoch bald die Einführung einer zentralen Wasserversorgung nötig. Der dadurch vereinfachte Zugang zu frischem Trinkwasser bedeutete, dass auch die Abwassermenge stieg und sich die hygienischen Missstände drastisch verschärften.
Die Entsorgung des verschmutzten Wassers hatte sich bis dato einfach gestaltet: Zwischen den Straßenrändern und Bürgersteigen befanden sich bis zu einem Meter breite und einem Meter tiefe Rinnsteine, durch die das häusliche und gewerbliche Abwasser sowie das Regenwasser aus der Stadt heraus transportiert wurden. Für die festen Abfallstoffe und Fäkalien waren in den Hinterhöfen Abtritte eingerichtet, die regelmäßig abgeschöpft und deren Inhalt fortgeschafft werden musste. Kleinere Kanäle, die mit Bohlen abgedeckt waren und quer über die Bürgersteige führten, leiteten das häusliche Abwasser direkt in die Rinnsteine. Aus Fallrohren an den Häuserwänden floss das Regenwasser von den Dächern über die Bürgersteige in die Rinnsteine, was in den Wintermonaten aufgrund von Glätte eine beträchtliche Gefahr für die Fußgänger darstellte.
Auch hielten sich nur wenige Berliner an ein 1842 erlassenes Verbot. Viele Hausbewohner versuchten nachts das lästige Abschöpfen der Gruben zu umgehen, indem sie die Nachteimer entweder in die Rinnsteine entleerten oder den Müll einfach in die Spree kippten. Bei starkem Regen überfluteten die Straßen mit Abwasser aus den Rinnsteinen und in der ganzen Stadt breitete sich ein Gestank von Fäulnis aus. Ratten huschten durch die Straßen und ernährten sich von den Abfällen, Ungeziefer gediehen. Unreines Trinkwasser aber begünstigte den Ausbruch von Seuchen wie Cholera und Typhus, folgerte der berühmte Berliner Arzt und Sozialpolitiker Rudolf Virchow. Die Auswertung der genauen Todesursachen unterstrich die dringende Notwendigkeit, für eine bessere Stadthygiene zu sorgen. Eine durch die Einführung eines Kanalisationssystems verbesserte Trinkwasserqualität müsse sich langfristig auch positiv auf die Zahl der Cholera- und Typhusinfektionen auswirken, folgerte Virchow.
1860/61 legte Baumeister Salomon Wiebe dem Berliner Magistrat einen entscheidenden Entwurf für die Planung eines Kanalisationsnetzes vor. Die größte Gefahr für die menschliche Gesundheit sah Wiebe in den damaligen Abtrittsgruben, die selten geleert wurden und wenn, dann in hygienisch höchst bedenklicher Art und Weise. Er forderte deshalb, die Abtritte durch einen flächendeckenden Einbau von Wasserklosetts zu ersetzen, wie er sie bei seinen Studienreisen durch England und Frankreich kennen gelernt hatte. Um die Entsorgung von Fäkalien über die städtischen Straßen zu vermeiden, schlug Wiebe vor, ein ganzheitliches Abzugsystem einzurichten, das aus Sammelrohrleitungen im Inneren der Häuser und auf den Höfen bestand. Über dieses System sollte der Inhalt der WC´s sowie die im Haushalt anfallenden Abwässer tief unter den Straßen aus der Stadt herausgeführt. Wiebe hoffte das neu anzulegende Kanalisationssystem mit Hilfe öffentlicher Wasserläufe bei Bedarf spülen zu können. Nur so konnte die Verschlammung und Fäulnis in Zeiten geringer Abwasserpegel vermieden werden. Die von der Spree und ihren Nebenarmen wegführenden Kanäle sollten als Zubringer für Spülwasser dienen. Wiebe plante, die Nebenarme in Hauptkanäle parallel zu den öffentlichen Gewässern fließen zu lassen. Die enormen Wassermengen – sie enthielten auch das Regenwasser – sollten in einen großem Behälter gesammelt werden, der tiefer als der natürliche Pegel der Spree lag. Mit Hilfe einer Pumpstation sollten die Wassermassen emporgehoben werden, um sie anschließend über einen breiten Auslasskanal unterhalb von Charlottenburg – das damals noch nicht zu Berlin gehörte – in die Spree einzuleiten. Die Berliner Bevölkerung stand dem Projekt zunächst ablehnend gegenüber. Die Zahl der Hausanschlüsse mit Wasserversorgung stieg nur langsam an. Schließlich verwarfen auch die Berliner Behörden Wiebes Plan und beauftragten den Baurat James Friedrich Hobrecht auf einem eigens gepachteten Gelände, Feldversuche zur Verrieselung anzustellen. Mit diesen Versuchen gelang Hobrecht der Durchbruch: 1869 ernannte der Berliner Magistrat den Baurat zum Chefingenieur der Berliner Kanalisation, eine Aufgabe, die er 28 Jahre betreute. Zwei Jahre später legte Hobrecht unaufgefordert ein „generelles Project für die Canalisation Berlins“ vor. Auch Hobrecht übernahm die Idee der Mischkanalisation, die vor allem im Hinblick auf die steigende Wohndichte praktikabel war. In einem entscheidenden Punkt unterschied sich Hobrechts Plan allerdings von dem Wiebes: Der Baurat verwarf die Idee, die Abwässer außerhalb der Stadt in die Spree zu leiten. Damit hätte sich das Problem der Verunreinigung nur verlagert. Stattdessen forderte Hobrecht ein System von Rieselfeldern anzulegen, die die Abwässer der Stadt aufnehmen sollten. Die im Abwasser vorhandenen Dungstoffe konnten anschließend durch eine Feldberieselung verwertet werden. Bei diesem Verfahren sollte das Kanalwasser nach einer mechanischen Grobreinigung durch Druckrohrleitungen direkt auf die Felder gebracht werden und so auf natürliche Weise gereingt werden. Außerdem schlug Hobrecht in seinem Gutachten die Einrichtung mehrerer autarker Kanalnetze vor, die so genannten Radialsysteme. Zwölf dieser kreisförmig konzipierten Systeme – jeweils mit einem eigenen Pumpwerk ausgestattet – sollten über das Stadtgebiet verteilt installiert werden. Da die Teilsysteme voneinander unabhängig waren, konnten sie nacheinander gebaut werden: Je nach Verfügbarkeit von Arbeit, Kapital und Boden. Die von autarken Kanalisationsnetzen ausgehende Kostenersparnis sprach ebenfalls für Hobrechts Entwurf. Nach langen politischen Auseinandersetzungen bildete die Stadt Berlin 1873 eine Baukommission, die von Virchow und Hobrecht geleitet wurde. Im gleichen Jahr begann der Ausbau der Kanalisation Berlins nach Hobrechts Plan mit dem Bau des Radialsystems III. Gleichzeitig kaufte die Stadt Berlin die Güter Osdorf und Friederickenhof. Damit stand genügend Fläche für die Abwässer zur Verfügung. Bereits an Neujahr 1878 wurde das erste Radialsystem mit 2.415 angeschlossenen Grundstücken und eine Fläche von rund 390 Hektar in Betrieb genommen. Innerhalb weniger Jahre gelang der Baukommission eine hygienische Revolution, da sie das Leben der Menschen nachhaltig positiv veränderte: Bereits 1881 war die gesamte Berliner Innenstadt mit knapp 10.000 Hausanschlüssen kanalisiert. Auf Grund des großen Erfolgs hielt die Kanalisation Einzug in die Berliner Vororte. So beschlossen beispielsweise 1907 die Lankwitzer und Marienfelder Gemeindevertretungen den Bau einer Schwemmkanalisation, die innerhalb eines Jahres gebaut war. Für die Bereitstellung der erforderlichen Rieselfläche konnte man den Ort Diedersdorf gewinnen. Insgesamt waren bis zur Bildung von Groß-Berlin im Jahre 1920 rund 32.000 Grundstücke an ein Kanalnetz mit einer Gesamtlänge von 1.167 Kilometern angeschlossen. Durch das Abwasser änderte sich die Bodenqualität entscheidend, denn mit dem Abwasser schwemmten gleichzeitig „natürliche“ Dünger auf die Felder, so dass sich die Rieselfelder zu Gemüse- und Obstanbauflächen wandelten. Gleichzeitig wies die Überdüngung der Flächen auf die künftige Gefahr der Rieselfelder hin. Schon 1887 sprach die Bevölkerung von „mephistischen Dünsten“.

Quellennachweise: Danke an das „Wissenschaftsmagazin fundiert“ der FU Berlin für die Möglichkeit der Veröffentlichung des Textes von Oliver Krzywanek. Weitere Quelle: Wirtschaftsarchiv e. V., 13403 Berlin, Tel. 030 411 90 698, www.bb-wa.de. Das Berlin-Brandenburgische Wirtschaftsarchiv ist eine Forschungseinrichtung für die regionale Wirtschaftsgeschichte. Es hat die Aufgabe, wirtschaftshistorische Quellen von Unternehmen und Verbänden in Berlin und Brandenburg aufzubewahren, diese für die Öffentlichkeit, universitäre Forschung und Bildungszwecke aufzubereiten und zur Verfügung zu stellen. Das Wirtschaftsarchiv übernimmt Akten, Fotos, Karten, Pläne und Filme von Unternehmen und Verbänden sowie Nachlässe von Unternehmern.